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Dr. Fernando Boccio zur Aligner-Herstellung in der Praxis

12. Feb.
4 Min. Lesezeit

Lohnt es sich wirklich?


Dr. Fernando Boccio ist ein führender Kieferorthopäde in Huelva, Spanien, und leitet eine der größten kieferorthopädischen Praxen des Landes. Im Laufe der Jahre hat er zudem eines der fortschrittlichsten In-House-Fertigungssysteme für Aligner mit hohem Volumen in Spanien aufgebaut.


Diese Kombination macht seine Perspektive besonders wertvoll.

Dr. Fernando Boccio lächelt in dunkler Praxiskleidung vor einem schlichten Hintergrund. Er trägt eine Armbanduhr und wirkt gelassen.
Dr. Fernando Boccio

Nur wenige Behandler haben sowohl einen großen Praxisbetrieb aufgebaut als auch einen komplexen internen Produktionsablauf für Aligner etabliert. Dr. Boccio hat beides getan. Seine Analyse ist daher nicht theoretisch, sondern in der betrieblichen Realität verwurzelt.


In seiner Analyse betrachtet Dr. Boccio diese Entscheidung aus der Perspektive des realen Praxisbetriebs, der Kosten und der Arbeitsabläufe.


Bevor wir tiefer einsteigen, zunächst die wichtigsten Punkte.


Wichtigste Erkenntnisse


  • Die Aligner-Herstellung in der Praxis ist deutlich komplexer, als sie zunächst wirkt

  • Versteckte Kosten überwiegen häufig die erwarteten Einsparungen

  • Arzt- und Personalzeit werden zu entscheidenden Engpässen

  • Die tatsächlichen Kosten pro Aligner können mit denen einer externen Fertigung gleichziehen oder sie übersteigen

  • Moderne OEM-Partner verändern die Wirtschaftlichkeit grundlegend


1. Was erfordert die Aligner-Herstellung in der Praxis wirklich?


Auf den ersten Blick wirkt die Aligner-Produktion in der Praxis unkompliziert.


Modelle drucken. Tiefziehen. Beschneiden. Ausliefern.

In der Realität ist der Ablauf deutlich anspruchsvoller.


3D-Druck von Modellen


Der erste Schritt ist die Herstellung physischer Modelle im Harz-3D-Druck. Hier stehen Praxen bereits früh vor einer strategischen Entscheidung:

  • Preisgünstige Drucker

Sie erlauben den Einsatz offener, günstigerer Harze, erfordern aber ständigen Personaleinsatz: Harz nachfüllen, Wannen reinigen, Drucke entnehmen, neu kalibrieren, Fehler beheben.


  • Professionelle Drucker

Sie bieten mehr Konstanz und Zuverlässigkeit, erfordern jedoch proprietäre Harze, die deutlich teurer sind, sowie eine wesentlich höhere Anfangsinvestition.


Je nach System liegen die Kosten pro gedrucktem Modell typischerweise zwischen 0,40 € und 1,80 €.

Doch das sind nur die sichtbaren Kosten.


Irgendwann fällt jeder Drucker aus. In Praxen mit hohem Volumen müssen Geräte doppelt vorgehalten werden, um Produktionsstopps zu vermeiden. Das erhöht die Kapitalbindung und die tatsächlichen Kosten pro Aligner.



Nachbearbeitung


Gedruckte Modelle müssen gewaschen, ausgehärtet, getrocknet, geprüft und nach Patient und Behandlungsstufe sortiert werden.


Einfache Schritte. Erheblicher Zeitaufwand.

Bei größeren Mengen werden diese „kleinen Aufgaben“ zu einer eigenen betrieblichen Belastung.



Aligner-Materialien


Die meisten Premium-Aligner basieren auf mehrschichtigen Materialien, die eine bessere Elastizität und eine gleichmäßigere Kraftabgabe bieten. Wirtschaftlichere einschichtige Optionen sind ebenfalls erhältlich.


Die typischen Materialkosten liegen zwischen 1 € und 3 € pro Aligner.

Auch hier gilt: Das sind sichtbare Kosten, nicht die vollen Kosten.



Tiefziehen


Jedes Modell muss positioniert, mit einer Folie bestückt, erhitzt und geformt werden.

Die Wahl der Maschine wird entscheidend. Das Ausfallrisiko bleibt bestehen. Eine doppelte Ausstattung ist oft nötig.



Beschneiden


Das manuelle Beschneiden bringt weitere Einschränkungen mit sich.

Eine geschulte Assistenz kann 45–50 Aligner pro Stunde beschneiden, in der Regel mit geraden Schnitten. Gingivakonturierte oder gewellte Schnitte sind manuell bei größeren Mengen kaum praktikabel.


Die Oberflächen- und Randqualität erreicht selten die des industriellen Laserschneidens.



Organisation und Auslieferung


Aligner müssen gepaart, verpackt, beschriftet und bereitgestellt werden. Präzision ist erforderlich. Zeit ist erforderlich.


Jeder Schritt bindet klinische Ressourcen.


2. Die Realität bei der Software


Große kommerzielle Aligner-Marken haben enorme Ressourcen in proprietäre Planungssoftware investiert.


Diese Systeme werden laufend weiterentwickelt und durch den Alignerverkauf finanziert.


Unabhängige Softwarelösungen haben sich deutlich weiterentwickelt und können heute etwa 98 % der erforderlichen klinischen Planungsfunktionen abdecken.


Allerdings:

  • Mehr manuelle Eingriffe

  • Höherer Aufwand für den Arzt

  • Externe Techniker nicht grundsätzlich enthalten

  • Zusätzliche Servicekosten häufig erforderlich


Die Preismodelle der Software unterscheiden sich stark:

  • Gebühren pro Fall

  • Exportgebühren

  • Abonnements

  • Hybridmodelle

  • Softwarekosten und Arztzeit müssen in jede realistische Bewertung einfließen.


3. Die Frage nach den tatsächlichen Kosten im Detail


Wenn Praxen die Produktionskosten für Aligner berechnen, dominieren oft die Materialpreise die Diskussion.


Harz. Folien. Software.


Dr. Boccio verweist jedoch auf eine tiefere Realität: Die tatsächlichen Kosten gehen weit über das Material hinaus.


Dazu gehören:

  • Personalzeit

  • Arztzeit

  • Geräteinvestitionen

  • Wartung

  • Reparaturen

  • Doppelte Geräteausstattung

  • Betriebliche Reibungsverluste


Werden alle Variablen berücksichtigt, kann der Preis pro Aligner an die Kosten einer externen Fertigung heranreichen und sie in vielen Praxen sogar übersteigen, insbesondere bei moderatem Volumen oder nicht perfekt optimierten Abläufen.


Dr. Boccio merkt dazu an:

„Werden alle Kosten einbezogen, können hausintern hergestellte Aligner kommerziellen Alignern gleichkommen oder sie sogar übertreffen.“

Nicht nur finanziell.

Sondern auch beim Zeitaufwand, beim Fokus und bei der betrieblichen Komplexität.


Eine Gruppe uniformierter Personen winkt vor einem Gebäude mit dem Schild „Clínica Boccio“ in die Kamera. Die Stimmung ist fröhlich.
Team der Clínica Boccio

4. Der Wandel hin zu OEM


Moderne OEM-Hersteller bieten ein grundlegend anderes Modell.

Praxen senden STL-Dateien und erhalten:

  • Gefertigte Aligner

  • Industriell beschnitten

  • Verpackt und beschriftet

  • Versandfertig

  • In der Regel innerhalb einer Woche.

  • Zu sehr wettbewerbsfähigen Preisen.


Dieses Modell eliminiert:

  • Drucken

  • Nachbearbeitung

  • Tiefziehen

  • Beschneiden, vollständig aus der Praxis heraus.


Die wirtschaftliche Rechnung ändert sich grundlegend.

Praxen behalten die Kontrolle über Diagnostik und Planung und werden zugleich vom operativen Aufwand entlastet.


5. Klinische und strategische Vorteile


Dieser Ansatz ermöglicht:

  • Hybride Kieferorthopädie ohne Paketbeschränkungen

  • Größere mechanische Flexibilität

  • Behandlungsstart am selben Tag

  • Geringere operative Belastung

  • Gleichbleibende industrielle Verarbeitungsqualität

  • Individuelle Materialanpassung

  • Planbare Produktionszeiten


Aligner kehren zu ihrer eigentlichen Rolle zurück: Sie sind ein klinisches Werkzeug, kein Produktionsprozess.


6. Zu berücksichtigende Einschränkungen


Für Praxen, die eine eigene Fertigung betreiben:

  • Hohe Anfangsinvestition

  • Abhängigkeit vom Personal

  • Schulungsaufwand

  • Hoher Zeitaufwand für den Arzt

  • Einschränkungen bei der Verarbeitungsqualität


7. Fazit


Die Aligner-Herstellung in der Praxis ist weder grundsätzlich richtig noch falsch.


Sie ist eine strategische Entscheidung.

Eine Entscheidung, die zu Behandlungsvolumen, betrieblicher Kapazität und langfristigen Zielen passen muss.


Für viele Praxen ist das hybride Modell nach Dr. Boccios Schluss das effizienteste:

  • Diagnostik und Planung bleiben in der Praxis

  • Die Fertigung wird an spezialisierte OEM-Partner ausgelagert


Diese Struktur wahrt die klinische Kontrolle, beseitigt die operative Überlastung und senkt versteckte Kosten.


Das Ziel ist nicht, selbst Hersteller zu werden.

Das Ziel ist, Freiheit, Skalierbarkeit und Effizienz zu gewinnen.

Und Aligner so einzusetzen, wie sie gedacht sind.



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